Erdoğan – Saddam Hussein lässt grüßen

Vier Tage nach dem „missglückten“ Putschversuch durch das Militär in der Türkei lassen sich zumindest ein paar Vermutungen über die Hintergründe anstellen. Um es gleich vorwegzunehmen, ich teile die Meinung vieler anderer, die davon ausgehen, dass der türkische Präsident Erdoğan selbst Initiator des Putsches war, nicht. Der gescheiterte dilettantische Putschversuch und die sofort darauffolgende Säuberungsaktion ließen sich zwar dadurch am leichtesten erklären, doch genau so eine einfache Erklärung erscheint mir zu simpel. Für Erdoğan, der seine Macht in den letzten Jahren ausbauen konnte und immer noch genügend Rückhalt in der Bevölkerung geniest, wäre ein selbst inszenierter Putschversuch mit vielen Risiken behaftet gewesen. Risiken, die er nicht eingehen musste um seine Allmachtsfantasien weiter verfolgen zu können.

Auch wenn ich nicht glaube, dass Erdoğan den Putsch selbst inszenierte, so bin ich doch ziemlich sicher, dass er über einen bevorstehenden Putschversuch informiert war. Dadurch erklärt sich auch die sofort einsetzende Säuberungsaktion mit zigtausend Verhaftungen. Überrascht wurde Erdoğan nur davon, dass es so schnell gelang, den Putsch niederzuschlagen und zu spät wird er erkennen, dass der „gescheiterte“ Putsch seinen Zweck erfüllte.

Der am 16.07.16 durchgeführte Putschversuch war nur der Startschuss zur endgültigen Destabilisierung der Türkei. Dieser Putschversuch sollte Erdoğan nur dazu verleiten, sich durch eine Überreaktion selbst zu diskreditieren. Die maßlose Verhaftungswelle und die ins Gespräch gebrachte Wiedereinführung der Todesstrafe, die Beschuldigung, die USA wären in den Putschversuch involviert gewesen, die Abriegelung des NATO-Stützpunktes in Incirlik und vieles mehr trägt schon jetzt dazu bei, seinen nicht allzu guten Ruf in der Welt weiter zu beschädigen. Und dabei wird es nicht bleiben.

Erdoğan, besessen von der Idee eines neuen Osmanischen Reiches, ist nichts weiteres als ein Bauer auf dem Schachbrett der Geostrategie. Einem Schachbrett, auf dem nun die Neuordnung des Nahen Ostens umgesetzt werden soll. Erdoğan wurde bei dieser Neuordnung eine Schlüsselrolle zugeteilt. Denn nur noch die Türkei, die in den letzten Jahren sogar noch in den Genuss eines wirtschaftlichen Aufschwungs kam – der gelinde gesagt allerdings schon abebbt – die Mitglied der NATO ist und als EU-Beitrittskandidat gehandelt wird/wurde, konnte bisher in einem schon weitestgehend destabilisierten Nahen Osten als einigermaßen stabil bezeichnet werden und steht somit einer Neuordnung im Wege. Erdoğan ist dazu auserkoren, den Nahen Osten weiter zu destabilisieren und letztendlich auch die Türkei ins Chaos zu stürzen. Man wird nichts unversucht lassen, um Erdoğan zu weiteren Maßnahmen zu provozieren, Maßnahmen, die die westliche „Wertegemeinschaft“ schon bald geradezu dazu zwingen werden, Erdoğan – auf welche Weise auch immer - seines Amtes zu entheben.

Selbstverständlich werden die USA und die Europäische Union Erdoğan noch für kurze Zeit ihre Unterstützung zusichern. Doch schon bald werden sie dazu übergehen, ihn als größenwahnsinnigen Diktator, der die Türkei spaltete, zu brandmarken und zu bekämpfen. Man wird die Türkei zu einem „Failed State“ machen, denn erst wenn auch die Türkei im Chaos versinkt, wird eine Neuordnung des Nahen Ostens möglich sein. Welche unabsehbaren Risiken dabei eingegangen werden scheint der westlichen „Wertegemeinschaft“ wie immer egal zu sein.

Erdoğan ist in die Falle getappt. Einen von außen inszenierten Putschversuch hätte er dazu nutzen können, für Versöhnung im Land zu sorgen. Doch anstatt sich seiner ihm zugedachten Rolle zu entledigen, den Dialog mit seinen politischen Gegnern zu suchen und die wahren Feinde der Türkei sofort des Landes zu verweisen, hat er diesen in die Hände gespielt.

 

Erdoğan hat ausgedient. Er hat viel zu spät – wenn überhaupt – erkannt, dass er über Jahre hinweg gebauchpinselt und groß gemacht wurde nur um dann als Bauer für höhere Interessen geopfert zu werden. Der Möglichkeit, andere Allianzen einzugehen, hat er sich selbst beraubt. Schon bald wird er vollkommen isoliert sein, zu Fall gebracht und sein Land dem Verfall preisgegeben werden.

Saddam Hussein lässt grüßen!

 

PS: Mit diesem Beitrag will ich den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan keinesfalls als Opfer irgendwelcher Intrigen darstellen. Ich wollte nur aufzeigen, dass sich nach Macht gierende Politiker selbst immer maßlos überschätzen.

 

 

Meine Meinung entspringt meinem Gehirn. Da ich mein Gehirn nicht verleihe, muss auch niemand meiner Meinung sein.

 

 

 


Kommentare   

 
+3 # multiman 2016-07-20 11:02
Hallo Peter,

Destabilisierung, Chaos - Neuordnung, ja so ist das wohl.
Weltweit wird an allen Ecken und Enden gezündelt, drastische Ereignisse und Maßnahmen nehmen rasant zu, als ob sie einer Regie folgen würden. Die Dramatik steigert sich, Publikum und Akteure sind verblüfft und begeistert, wähnen sich in einer Spontan- Aufführung, weswegen auch niemand ein Programmheft vermisst. Hauptsache Action, mehr Kicks und Ablenkung vom realen Wahnsinn.

Wahrlich babylonische Verhältnisse.

LG an alle
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